#communityprojekt100 - 100 ikonische Streetfotos #10

Interpretation von dem Foto „Girl on a Spacehopper“ von Sirkka-Liisa Konttinen

Kurze Vorstellungsrunde: Als Kind hatte ich eine kleine Kompaktkamera, die ich heute nur noch liebevoll „Touri-Kamera“ nenne. Nach einiger Zeit wurde sie von meiner Handy Kamera abgelöst, aber irgendwann wollte ich mehr, als das Handy konnte. Zum Abi letztes Jahr, habe ich dann eine „richtige“ Kamera bekommen. Und los ging die Entdeckungstour! So viele neue Möglichkeiten, aber auch so viel mehr Technik, die man erstmal verstehen muss. Im Frühjahr habe ich dann an einem online-Grundlagenkurs von Frank teilgenommen, so kam ich auch zu diesem Fotoprojekt. Bisher habe ich am liebsten Tiere und Natur fotografiert und mit meinem Makroobjektiv experimentiert. Streetfotografie ist also für mich, wie für die meisten im Projekt, völlig neu. Aber ich wollte ein kleines Abendteuer starten und mich der Herausforderung stellen - das wird sicher spannend!

Mein erster Gedanke zum Bild: Was ist das? - Die Antwort findet sich im Titel dieses Kunstwerks: „Girl on a Spacehopper“. Aufgenommen wurde es 1971 von der finnischen Fotografin Sirkka-Liisa Konttinen in den englischen Stadt Newcastle upon Tyne im Stadtteil Byker. Ein „Spacehopper“ also... Na das ist doch eine machbare Aufgabe! Alle, denen ich das Bild zeigte, meinten zu mir „Setz doch einfach deine kleine Cousine auf so einen Hüpfeball und schon hast du dein Bild!“ - Die perfekte Kopie... Aber ist das wirklich das Ziel?

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Damit wollte ich mich jedenfalls nicht zufrieden geben und las auf „meiner“ Doppelseite ein wenig über die Geschichte hinter dem Bild. Der Stadtteil Byker stellte sich zu damaliger Zeit großen, tiefgreifenden Veränderungen. „Bulldozers have savaged the rowes of terraced houses that lined cobbled streets“. 1970 begann ein groß angelegtes Bauprojekt zur Renovierung des Arbeiter-Stadtteils und damit auch eine fotografische Langzeitstudie von Konttinen, die schließlich zur Veröffentlichung des Buches „Byker“ führte. Ihre Bilder zeigen größtenteils Straßen, Häuser von innen und außen und hauptsächlich Erwachsene. Damit fällt das Bild „Girl on a Spacehopper“ ein wenig aus der Reihe. Es zeigt die fliegend leichte, sorglose, kindliche Sicht auf die Welt, fernab von den Unruhen der Erwachsenenwelt. Dieser Zeitgeist des Bildes, hat etwas sehr zeitloses und lässt sich gerade auf die aktuelle Zeit und Situation prima übertragen.

Damit begann für mich das Ideenschmieden. Die Grundzüge des Bildes, also die Perspektive, das schwarz-weiß-Format, die Pflasterstraße und die Häuserreihe, wollte ich beibehalten. Fehlt nur noch das Kind.
An meinem ersten Fototag bin ich ziellos durch die Innenstadt von Görlitz gelaufen und habe auf Kinder gewartet. Passende Straßen zu finden, war kein Problem. Pflasterstraßen gibt es hier wie Sand am Meer. Kinder hab ich auch einige gesehen, aber die meisten liefen brav neben ihren Eltern her und waren nach ein paar günstigen Augenblicken auch schon wieder weg.

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Auf der Rückfahrt kam mir dann eine Idee. Ein paar Tage zuvor war ich mit meiner Familie in Wittenberg in einem gemütlichen Eiscafé in der Fußgängerzone. Direkt daneben: Ein Schaukeltier für Kinder. Das ist einfach perfekt! Also ging ich ein paar Tage später in Wittenberg zu besagtem Eiscafé. Gerade wollte ich mich auf eine Bank gegenüber des Schaukeltiers setzen und auf einen passenden Moment warten, da fuhren meine etwas ältere Cousine und ihre fünfjährige Tochter mit dem Rad vorbei. Die Kleine setzte sich sofort ungefragt auf das Schaukeltier und quatschte munter mit mir, während ich versuchte, einen schönen Moment einzufangen.

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Ich verbrachte auch noch den restlichen Nachmittag mit ihr am Springbrunnen des Eiscafés und auf einem nahegelegenen Spielplatz und ließ mich mitreißen in ihre ganz eigene, kindliche Welt.
Beim Durchsehen der Bilder, ist mir dann der Schriftzug des Cafés aufgefallen: „Eis-Café Dolce Vita“ - wie passend! Für eine kurze Zeit, lief sogar eine Frau mit Maske durch den Hintergrund, das wollte ich unbedingt mit im Bild haben, um den Kontrast zu der Erwachsenenwelt noch zu verstärken.

Mein Fazit von dem Projekt: Wie schon meinen Vorgängern in dem Projekt aufgefallen ist, ist es eine große Herausforderung, ein Foto nachzustellen, vor allem wenn man auf eine - wie in der Streetfotografie übliche - zufällige Situation hofft. Man möchte dem Genre treu bleiben und gleichzeitig merkt man mit voranschreitender Zeit, dass das innerhalb von zwei Wochen nahezu unmöglich ist.

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Ein Foto zeigt einen unwiederbringlichen Moment in der Vergangenheit. In der Streetfotografie sind es zudem eben natürliche, spontane Momente. Nichts Gestelltes, nichts Künstliches, nur reine, unbeeinflusste Realität. Aber auch wenn wir ein wenig nachhelfen und einen scheinbar zufälligen Moment inszenieren, bleibt er unwiederbringlich und einzigartig und verbildlicht eine reale Situation und Atmosphäre. Das ist für mich das Wichtige.

Was ich daraus gelernt habe? Ich denke vor allem, mehr auf die Wirkung des Fotos zu achten. Ein Foto transportiert ein Gefühl und eine Stimmung. Es ist mehr, als das was man sieht. Ganz besonders in der Streetfotografie kommt das zum Ausdruck. Das war zwar fotografisches Neuland für mich, aber ich denke ich werde auch in Zukunft mit meiner Kamera durch die Straßen tingeln, um ein paar starke Momente einzufangen.

Josina Bracke, Trier, August 2020

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