#communityprojekt100 - 100 ikonische Streetfotos #16

Meine Annäherung an W. Eugene Smith

Das Buch „Street Photography“ ist da. Schnell nachsehen, welche Seiten für mich bestimmt sind. Aufschlagen, Schock. Das ist ja ganz schwarz!

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Dann habe ich erst ein bisschen geblättert und dann habe ich den Text gelesen. Der nächste Weg führte an den Rechner und zur Suche nach W. Eugene Smith.

Wer war William Eugene Smith?

Wikipedia und andere Quellen geben Auskunft.

Geboren 1918, gestorben 1978. Ein spannendes Leben. Ein unbequemer Mensch, der glatte Dinge nicht schätzte. Ein Besessener, der getrieben wurde von der Ungerechtigkeit der Welt und der ganz eigene Ansichten von dem Umfang und dem dafür erforderlichem Zeitaufwand seiner, teilweise selbstgestellten, Aufgaben hatte. Ich kann mir gut vorstellen, wie Auftraggeber an ihm verzweifelten. Zum Beispiel bekam er von Magnum den Auftrag, 100 Fotos zum 200-jährigen Bestehen der Stadt Pittsburgh zu machen. Nach fast einem Jahr hatte er 22.000 Aufnahmen, konnte sich in den nächsten drei Jahren aber nicht für eine Auswahl entscheiden und brach das Projekt ab.

Andererseits half er Betroffenen des Quecksilberskandals in Minamata, Japan, durch seine einfühlsamen, sprechenden Fotos. Er konnte vermutlich immer dann gut arbeiten, wenn er mit der Situation vertraut war. Dafür brauchte er Zeit. Das Ergebnis seiner Akribie sind unglaublich „dichte“ Bilder. Und eigentlich immer irgendwie unaufgeräumt. Selten voyeuristisch, meistens sehr emphatisch.

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Am Ende seines Lebens scheint ihn die Diskrepanz von Schein und Wirklichkeit endgültig überfordert zu haben. Er konnte wohl nur weitermachen, wenn er die eigentliche Wirklichkeit mit Alkohol und Drogen ausschaltete und sich in eine freiwillige Klausur zurückzog. Allerdings lebte er dann in einer sehr umtriebigen, wuseligen Gegend New Yorks, einem sehr kreativen Hotspot.

Er hat einen unfassbaren Schatz von Fotos und Tonaufnahmen hinterlassen. Sie bilden die Jazzszene New Yorks von den späten 50ern bis in die Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts ab. Diese Sammlungen wurden 1998 in seinem Nachlass gefunden und nach langer Auswertung erst 2009 gewürdigt.

Kurz vor seinem Tod sagte er zum Thema Fotografie als Kunst:

„In meinen Fotos möchte ich viel lieber noch diese andere Komponente enthalten wissen, die jemanden möglicherweise zum Handeln bewegen könnte!“

821 Sixth Avenue, New York City, heute. Hier war das Jazz-Loft in der vierten Etage (Google Earth)

Bildquelle: https://www.docnyc.net/film/jazz-loft-according-to-w-eugene-smith-the/ 

Und ganz zum Schluss habe ich noch einen Bericht gefunden, dass das Leben von W. Eugene Smith mit Johnny Depp in der Hauptrolle verfilmt wurde. „Minamata“, gezeigt auf der Berlinale 2020. Welche Überraschung für mich, was ich in der Beschreibung über den Charakter vom W. Eugene Smith las und mich damit bestätigt fühlte.

 

Nun zum Foto „New York 1957-8“, aus der Serie „As from my window I sometimes glance“:

Auf dem Foto sieht man eine elegante Frau mit guter Figur, makelloser, weißer Kleidung, die eine ebenfalls makellose, weiße Hutschachtel über eine leere Straße mit glattem Belag trägt Sie überquert dabei einen weißen Streifen und entfernt sich. Fotografiert durch einen zerrissenen Vorhang oder eine geborstene Glasscheibe, die nur einen kleinen Ausschnitt freigeben. Und die drei Lichtfinger wollen die Frau festhalten.

W. Eugene Smith sitzt in einer Höhle und fotografiert das Leben, an dem er nicht mehr teilnehmen will oder kann und möchte das Leben festhalten.

Wenn man sich das Foto „W. Eugene Smith in his workroom“ von Arnold Crane ansieht, weiß man, wie die Höhle aussah.

So, und jetzt habe ich das Foto des großen Meisters nachzuempfinden. Sehr schwer.

Planungen:

  • Geschützter Raum, Blick ins Leben.Vom Platz in einer Kneipe oder einem Café aus dem Fenster heraus modische Menschen fotografieren, die mir den Rücken zukehren/ von mir weggehen. – Leider keine passende Kneipe mit passender Straßensituation und passendem Licht gefunden.
  • Fotos von Passanten aus einem Auto heraus. Die Idee, ich sitze in meiner Höhe und beobachte das Leben. – Mehrere Versuche. Aber immer störte etwas. Die Situation ist ganz gut, aber der Hintergrund zu unruhig und die Person ganz im Licht. Würde im Notfall gehen. Zwei passable Fotos habe ich gemacht.
  • Gestelltes Foto mit einem Familienmitglied. Dazu hättet das Umfeld passen müssen. Die Familie war „willig“, aber die Gelegenheit ergab sich nicht.
  • Große Schwierigkeit: Wie ist das mit den Lichtfingern?
  • Neue Idee: Ich bastele mir eine passende Blende durch die ich fotografiere. - Hat nicht funktioniert.
  • Neue Idee: Altes T-Shirt passend zerschneiden und vor ein Fenster hängen. Schwierigkeit ist die nicht so gute Situation der Straße. - Hat nicht funktioniert.

Nun muss eine sehr eigenwillige Interpretation mein Ergebnis sein:

Jemand sitzt im Auto (geschützter Raum) und fotografiert eine Person, die sich entfernt und die kleine Barrieren in Form von Schattenstreifen vor sich hat. Eine Umkehrung: Im Auto sind geringe Strukturen, draußen sind viele Strukturen. Idee: Streit. Ich bleibe zurück und er geht ins Leben.

ein_blick_aus_dem_autofenster_mann_in_hauptstrasse_sw.jpg

(Olympus OM-D E-M 10, 14 mm, f 6,3, 1/160, Iso 200)

Über mich:

Als Kind bekam ich eine kleine Box-Kamera. Für Rollfilme mit acht Bildern. Keine Einstellmöglichkeiten. Da wurde sogfältig überlegt, welche Situation für die Nachwelt erhalten bleiben sollte. In der Familie meines Vaters (Stadt) wurde gern und häufig fotografiert, in der Familie meiner Mutter (Dorf) überhaupt nicht, außer „Pflichtfotos“, die man beim Dorf-Fotografen anfertigen ließ. Als Kind habe ich es geliebt, mir die alten Fotos anzusehen.

Wenn ich unterwegs war, hatte ich fast immer meinen Fotoapparat dabei. Ich habe sehr gern auf Reisen, bei Familienfeiern oder Veranstaltungen fotografiert. Die sorgfältige Vorbereitung und das Ablichten von Landschaften, Tieren, Natur, Personen oder Architektur war nicht mein Ding. Da habe ich dann die eine oder andere Postkarte gekauft. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Im Lauf meines Lebens kamen dann verschiedene Geräte in Gebrauch, auch eine einfache Spiegelreflexkamera und dann die digitalen Zauberkästchen. Als ich vor ein paar Jahren in den Ruhestand ging, habe ich mich entschlossen, mich darum zu kümmern, dass meine vielen Fotos auch möglichst gut werden. Und daran arbeite ich nun mit viel Freude (und wenig Zeit). Auf eine bestimmte Art des Fotografierens kann ich mich immer noch nicht festlegen, denn mir bereitet vieles Spaß. Bei meinen Enkelkindern bin ich „Omarazzi“.

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