#communityprojekt100 - 100 ikonische Streetfotos #24

Die Vorlage
Das Foto von Harry Callahan war für mich irritierend. Zum einen, weil durch die von ihm gewählte Technik der Doppelbelichtung ein puzzelartiges Suchbild entsteht, das das Auge nicht zur Ruhe kommen läßt. Dann aber auch, weil das Bild in seiner Bedeutung für mich schwer zu entziffern ist.Callahan wird als ein Erneuerer der Fotografie beschrieben. Die Doppelbelichtung war 1943, als das Bild entstand, sicher ungewohnt und innovativ. Ohne es zu wissen, glaube ich aber, das die Technik schon älter ist. Aber egal. Er hat damit experimentiert. Das Bild der belebten Straßenkreuzung in Detroit wirkt wie ein Blick durch ein Kaleidoskop. Eine Wunderwelt, die mir aber was zeigt, was sagt? Ich bin unsicher, was Callaham ausdrücken wollte. Oder war es sogar nur eine Spielerei? Was mich an dem Bild verwirrt, ist eine fehlende Story des Bildes. Aus heutiger Sicht fühlt man sich an Chaplins "Modern Times" erinnert. Der Mensch, der in der Moderne und ihrer Technik sprichwörtlich unter die Räder gerät. War das Callahams Intention? Oder war er durch das Durcheinander und Gewusel der Großstadt eher fasziniert?

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Außer der Doppelbelichtung ist in dem Bild das Motiv des Rasters auffällig. Sowohl in der Häuserfassade als auch in den Fenstern der Busse und Bahnen wird dieses Motiv zitiert. Mit solchen künstlichen aber auch natürlichen Mustern hat Callaham experimentiert. Aber was bedeutet ihm dieses Raster? Ist es nur eine Beobachtung oder vielleicht nur Schmuck? Die Menschen auf dem Bild wirken eilig, geschäftig, jeder einem eigenen Ziel zustrebend. Auf der dunklen Straße und vor der dunklen Fassade gehen sie dabei fast verloren.

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Meine Umsetzung
Wie kann ich mit meinem Bild innovativ sein? Die Doppelbelichtung ist heute ein fast schon vergessener "alter Hut". Was früher händisch in der Dunkelkammer entstand, geht heute mit den modernen Digitalkameras fast per Knopfdruck automatisch in der Kamera. Ist das noch innovativ? Vielleicht nicht als Technik, aber als Gestaltungsmittel durchaus.

Auch ich habe also eine Doppel- (und Mehrfach-) Belichtung gemacht von einem Straßenzug in der Bremer Innenstadt. Auch ich habe eine Fassade mit einem markanten Raster im Hintergrund gewählt. Dazu muss man wissen, dass in Bremen in den letzten Jahren eine Vielzahl neuer Geschäfts- und Bürogebäude in der Innenstadt gebaut wurden, die sich fast alle in einer strengen, nüchteren Fassade gleichen. Anführer dieser "zeitlosen" Stilsprache ist der Schweizer Architekt Dudler, der in Bremen einige heftig umstrittene Bauten errichtet hat. Auch ich empfinde diesen Baustil abweisend, kalt und ernüchternd, weil er dem Betrachter nur Gleichförmigkeit und nichts bietet, an dem das Auge haften bleiben kann.

Ich habe die Doppelbelichtung als Spiegel auf die vorbeiziehenden Menschen gelegt, um zu zeigen, dass diese architektonische Formsprache nicht folgenlos bleibt. Sie macht etwas mit uns. Sie dringt in uns ein, sie verändert unsere Wahrnehmung, auch wenn wir sie im Vorbeigehen gar nicht bewußt erfassen. Sie ist auch ein Abbild unserer Zeit, in der das Individuum so sehr vereinzelt ist, wie bisher nie. Durch Smartphones und die jeder Zeit verfügbare Mediennutzung aller Art, lebt der Mensch in seiner eigenen Welt, isoliert von anderen. Die Masken der Corona-Epidemie tun ein Übriges. Auch sie schaffen Distanz und behindern die Kommunikation.

Die Passanten auf meinem Bild sind einzeln aufgenommen und später zusammengestellt. Aber sie erscheinen weniger als Masse, wie bei Callahan, sondern als Individuen. Aber fast jeder mit sich selbst beschäftigt, seinen eigenen Zielen folgend. Ein Kontakt untereinander findet nicht statt.

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Die Technik
Fotografiert habe ich mit der Olympus OMD 1 M II und dem Panasonic Leica 8-18 mm f. 2.8-4.0. Außerdem habe ich ein Stativ benutzt.
Ich habe manuell fokussiert und mehrere Fotos vorbeilaufender Passanten mit unterschiedlichen Belichtungszeiten gemacht.
Bearbeitet wurden die Fotos in Lr und in Ps zusammengefügt.

Fazit
Das Projekt hat Spaß gemacht. Es hat mich gezwungen, mich mit einem Motiv und einer Technik zu befassen, die ich sonst vielleicht nicht gewählt hätte. Es hat mich herausgefordert, ein "Zielfoto" (Stephan Wiesner) zu machen, das hinterher immer mehr Befriedigung schafft, als ein schneller, zufälliger "Knips". Ich hoffe, dass alle Teilnehmer ihren Beitrag abliefern und es zu dem Druckwerk kommt (Buch, Broschüre, Heft, was auch immer), das angedacht ist.

Till Hofmann

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