#communityprojekt100 - 100 ikonische Streetfotos #38

Zum Projekt „100 Iconic Photographs“ – Bild von Richard Sandler „CC Train, NYC, 1985“
(Stephan von Fürstenberg - #38 – S. 152/153  )

Ich könnte kaum zufriedener sein, ein Bild von Richard Sandler als Aufgabe gestellt bekommen zu haben, habe ich doch 1977 sechs Monate in NYC gelebt und die Stadt und das Leben mit ihrem Hauptverkehrsmittel, der Subway, lieben gelernt. In dem Jahr also, in dem Richard Sandler sein fotographisches Hauptwerk begann. Seine Affinität zur Street-Fotografie und vor allem der Subway ist für mich leicht nachzuvollziehen.

Dennoch ist die Aufgabenstellung schwer, die Bildanalyse in Ihrer ersten Offensichtlichkeit vielschichtig, in der Übersetzung auf heutige Verhältnisse alles andere als einfach, viele Dinge ein Muss: Personen, Subway/Eisenbahn, Graffiti, Stimmung, schwarz-weiß, Sandler-typisch harte Kontraste …

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Die Entscheidung, diese Elemente in die heutige Welt zu übertragen, war schnell getroffen, aber die Basis musste schon identisch sein und Parallelen bieten, ohne das Bild „nachzuknipsen“, was in einer U-Bahn hier in München sicherlich leichtgefallen wäre. In Corona-Zeiten ohne Zwang U-Bahn fahren? Nein, eine andere Location musste gefunden werden.

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Die Originalbildelemente ergaben es, und so wurden aus den für die ausgehenden Siebziger und Achtziger Jahre typischen, hingeschmierten pluralen/multiplen Solograffiti der Subway in NYC ein fein ausgearbeitetes komplexes Graffito in München, welches im wahrsten Sinn des Wortes den Rahmen für die Szene bildet: Umgewandelt in ein Szene typisches Schwarz-Weiss, ein Blick auf eine alte bahnhofsähnliche Site, als Parallele zur Subway, vielleicht Wartesäle auf einem Bahnhof, die im wahrsten Sinne des Wortes den Raum bilden! Die Verbindung von 1985 zu 2021 im Bild war geschaffen.

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Die Personen mit ihren individuellen Merkmalen auf heute übersetzt, Handy, statt Walkman, Mütze statt Hut, dennoch der Gegensatz der Hauptperson von auch eleganter Aktentasche zu billiger Einkaufstüte. Aufgrund der fehlenden Gestaltungsmöglichkeiten mit einer Tiefenstaffelung musste die erste Person des Hintergrundgraffito als Platzhalter für die vierte Person des Originalbildes fungieren. Die durchgehende Haltestange der Subway wurde ersetzt durch die Stütze des Spazierstocks der männlichen Person, die sich oberhalb seines Oberkörpers und Kopfes fortzusetzen scheint in der gemalten Lichtsäule des Graffito, und so auch hier das Bild zu teilen scheint.

Die desinteressierten, dennoch kontrollierenden Blicke der Begleitpersonen wurden übernommen, dennoch sollte die Hauptperson sich vom Ursprungsbild abheben: Mann statt Frau, sitzend statt stehend, aber gleich abwesend und in sich gekehrt wie die damalige Protagonistin als zentrales Element. Dies alles eingesetzt in das Schwarz-Weiss der Umgebung, eingefangen, eingerahmt und damit eine gleiche Einheit bildend, wie im Original der hintere Teil des Subwaywaggons als gefangener Raum.

Akribische Analyse des Originals und Planung erforderten mehr Zeit als die fotografische Umsetzung selbst: die Suche der Location, das Arrangement der Personen als singuläre, aber dennoch sich integrierende Bildelemente nahm 95% der Zeit in Anspruch, die Absprache mit den handelnden Personen war aufwändig.

„One shot, one Hit“ war der Anspruch - auch wenn es dann doch mehrere Schüsse wurden.

 

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