#communityprojekt100 - 100 ikonische Streetfotos #64

Mit etwas Verspätung konnte ich in meinen Teil der „100 ikonische Streetfotos“-Challenge starten. Zuvor war ich mehrere Tage nicht zuhause und gesundheitlich angeschlagen. Ich freute mich darauf, endlich starten zu können, auch wenn mir nur 2 Tage Zeit blieben um mich mit meiner Doppelseite auseinanderzusetzen. Also schnell die für mich bestimmte Seite rausgesucht und das Buch aufgeschlagen.

Der erste Gedanke: Was für ein tolles Bild. „Flatiron Evening“ von Edward Steichen. Der Name Edward Steichen kam mir direkt irgendwie bekannt vor und eine kurze Recherche bestätigte mich in meiner Befürchtung. Mit Edward Steichen habe ich einen der allergrößten Fotografen seiner Zeit als Vorlagengeber erhalten, der in so vielen Bereichen der Fotografie erfolgreich war. Egal ob Fashion, Portraits oder halt in der Streetfotografie. Edward Steichen ist ein bekannter Name. Steichen selbst stammt ursprünglich aus Luxemburg und verzog bereits als kleines Kind mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten. Bereits in jungen Jahren machte er sich einen Namen in der Fotografie und eines seiner Werke war es, das als erste Fotografie überhaupt in ein Museum aufgenommen wurde. Er war ein enger Freund vom ebenso bekannten Alfred Stieglitz. Die Herausforderung für mich könnte also kaum größer sein.

Das Bild selbst: Eine Fotografie aus dem Jahr 1904. Zu sehen ist das weltbekannte Flatiron Building in New York an einem verregneten Wintertag, natürlich in Schwarz-Weiß. Das Gebäude, umhüllt von Nebel bzw. Regen, befindet sich zentral etwas im Hintergrund und doch ist es das Hauptelement. Mit seiner dreieckigen Form ist es sehr markant und sofort zu erkennen. Der Vordergrund ist sehr dunkel und sieht fast wie ein Scherenschnitt aus. Ein paar Strukturen sind aber doch zu erkennen. Er zeigt eine Straße mit drei stehenden Fahrzeugen, die optisch fast noch wie Kutschen wirken. Von links ragen ein paar kahle Bäume ins Bild. Am rechten Bildrand sind einige Häuser zu sehen, welche jedoch wesentlich kleiner als das Flatiron Building sind. Das Bild wirkt düster und das Flatiron Building als zentrales Element irgendwie bedrohlich. Und doch verstrahlt das Bild irgendwie ein Stück weit Ruhe in einer Metropole riesigen Metropole wie New York.

Sofort begann bei mir das Gedankenkarusell und ich überlegte, wie ich dieses Bild für mich umsetzen könnte. In meiner Heimat in Hildesheim würde ich kein Gebäude finden, welches mir dieses bedrohliche Stimmung vermitteln könnte und eine solch markante Form hätte. Also den eigenen Radius etwas erweitert. Hannover? Am Kröpcke gäbe es auch ein Gebäude, das dreieckig zuläuft, es ist jedoch längst nicht so hoch und markant wie das Flatiron Building. Letztlich fiel mein Gedanke auf Berlin, wo ich in der folgenden Woche auf Dienstreise sein würde. Berlin ist es auch, das einem am ehesten dieses Gefühl einer Weltmetropole geben kann. Aus vorherigen Besuchen in unserer Hauptstadt fielen mir insbesondere die Gebäude am Potsdamer Platz ein, die für diese Wirkung passen könnten.

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Das nächste Problem: Die Wetterlage. Das Bild von Edward Steichen lebt von dieser düsteren Nebel-/Regenstimmung zur Winterzeit. Ich war froh, dass ich diese Aufgabe nicht mitten im Sommer erhalten habe, aber selbst Anfang Oktober ist eine solche Wetterlage nicht garantiert. Der Wetterbericht sah aber eigentlich ganz gut aus und versprach für die gesamte Woche Regen. Um gut vorbereitet zu sein packte ich daher einen Regenschutz in meinen Kamerarucksack. Ich hoffte, dass sich diese Wettervorhersage bestätigen würde.

Am Montag ging es dann nach Berlin. Vollgepackt mit Koffer, Laptops und dem Kamerarucksack machte ich mich mit dem Bus auf den Weg zum örtlichen Hauptbahnhof. Die Reise nach Berlin mit dem ICE verlief Gott sein dank problemlos. Auf der Fahrt checkte ich nochmal die Wettervorhersage und schon bekam ich den ersten Schock: Aus ganzwöchigem Regen wurde lediglich eine erhöhte Regenwahrscheinlichkeit für Dienstag, der Rest der Woche sollte trocken bleiben. Der Tag für mein Vorhaben stand nun also fest. Bereits im Vorfeld versuchte ich herauszufinden aus welcher Richtung ich die Gebäude am besten fotografieren und wie ich das Bild aufbauen könnte. In Berlin angekommen ging es zunächst ins Hotel am Kurfürstendamm und dann zum Seminar. Es blieb ganztägig trocken und so setzte ich meine Hoffnungen auf den kommenden Tag. Tatsächlich regnete es bereits Dienstagmorgen ein wenig und ich hatte Hoffnung, dass die Wetterlage für mein Bild tatsächlich passen könnte. Über den Tag wurde es jedoch nach und nach trockener, trotzdem machte ich mich nach Ende des Seminartages auf den Weg zum Potsdamer Platz. Zur Auswahl standen hier drei Hochhäuser, zwischen welchen ich mich entscheiden konnte. Ich entschied mich gegen den Bahn-Tower, vermutlich das bekannteste der drei Gebäude, da es nicht die gewünschte markante dreieckige Form hat. Ich legte meinen Fokus nun also auf die beiden danebenliegenden Gebäude. Die Straßen waren zwar nass, von Nebel oder Regen fehlte jedoch an diesem Nachmittag jede Spur. Nichts desto trotz machte ich mich an die Umsetzung und versuchte das Beste aus dieser Situation zu machen. Die Straßen rund um den Potsdamer Platz sind stark befahren und mir war bereits im Vorfeld klar, dass es schwierig werden würde einen Moment der Ruhe in einer Metropole wie Berlin im Jahr 2021 einzufangen. Zu groß ist der Unterschied zwischen 1904 und 2021, zu viele Autos unterwegs, zu viele Personen, egal bei welchem Wetter. Um zumindest die reine Masse an Autos aus meinem Bild zu kriegen, entschied ich mich für eine Langzeitbelichtung. Zwar würde ich die Lichtspuren dieser Autos behalten, aber gerade dies baut ein wenig den Kontrast zwischen dem Ursprungsbild und meiner moderneren Interpretation 117 Jahre später. Es war schwierig den richtigen Bildwinkel zu finden, da rund um den Potsdamer Platz verschiedene Baustellen den Blick störten. Lange Zeit versuchte ich mich an verschiedenen Perspektiven, doch keine stellte mich zu 100% zufrieden.

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Mein finales Bild zeigt nun das Kollhoff-Hochhaus. Es wirkt ähnlich markant wie das Flatiron Building, auch wenn es natürlich längst nicht an dessen besonderen Charme und Historie herankommt. Am rechten Bildrand drängt sich der Bahn-Tower ins Bild, auf der linken Seite das Piano Hochhaus. Sie bilden den Rahmen für das Zentrale Kollhoff-Hochhaus auf dem der Fokus liegt. Der Vordergrund zeigt einen Mix aus der Dynamik des Berufsverkehrs einerseits, dargestellt durch die Lichtspuren der vorbeifahrenden Autos, und einem kleinen Moment der Ruhe. Diesen Moment der Ruhe lieferten die beiden in der unteren rechten Ecke befindlichen Personen, die ebenfalls den abendlichen Blick auf die Hochhäuser genossen. Die düstere Stimmung des Originals versuchte ich nun in der Nachbearbeitung zu erreichen. Hierbei setzte ich auf ein relativ dunkles Schwarz/Weiß-Bild. Da ich weder Nebel noch Regen vorfand, wurde zudem ein wenig Dunst in der Bearbeitung dieses Bildes hinzugefügt. Dieser Dunst soll das Gebäude mystischer und bedrohlicher wirken lassen.

Ich muss gestehen, dass ich selbst nicht hundertprozentig zufrieden mit dem Ergebnis bin. Es kommt nicht an das Gefühl heran, dass Edward Steichen mit seinem Original vermitteln kann. Sich mit diesen „ikonischen Streetfotos“, und diesen Namen hat das Buch vollkommen zurecht, zu vergleichen ist aber wohl auch einfach der falsche Ansatz. Zu groß sind die Fußstapfen, in die man da tritt. Zu groß die Abhängigkeit von weiteren Faktoren, um genau die Bildwirkung zu erreichen, die man sich wünscht.

Insgesamt hat mir die Arbeit mit dem Buch und meinem Bild aber enormen Spaß gemacht. Es war eine Herausforderung, welcher ich so noch nicht gegenüberstand und es hat Spaß gemacht sich so intensiv mit einem Werk und einem Künstler zu beschäftigen.

Allen kommenden Teilnehmern wünsche ich noch viel Spaß bei der Bearbeitung. Habt keine Angst vor euren Aufgaben, sondern nehmt die Herausforderung an und versucht das Beste daraus zu machen. Es geht um den Spaß und der sollte doch bei sowas im Vordergrund stehen.

Liebe Grüße aus Hildesheim,

Dominik Kattge